Die große Reise des Chaim Jahudin zum Mittelpunkt der Erde, der Geschichte 17. Teil, Ort Berlin- Lichtenberg, Haus 1, Haus des Ministers am Nachmittag des 10.Tages, dem 7. August 1977
Die
Männer um Oberst Alfred Bergemann saßen im Kreis. „ Was wir haben ist
nicht viel“, meinte Einer und „ unsere russischen Freunde sind dieses
Mal keine große Hilfe“.
„Da muss noch
mehr sein“ meinte ein Anderer und betrachtete das Foto, was heute früh
mit Kurier vom Volkspolizeirevier in O. übersendet wurde und nun vor ihm
auf der Tischplatte lag.
„Dieser
Elite- Soldat oder besser Offizier, denn es kann sich laut den uns
vorliegenden Informationen nur um einen solchen handeln, also er hat
den Kohlenzug noch in der Julinacht vor der
Einfahrt ins Grenzgebiet wieder verlassen, so vermute ich einmal, denn
dafür spricht diese sprichwörtliche Ruhe im westdeutschen Blätterwald, die Aasgeier hätten es an die große Glocke….gehangen, so Bild, Stern, Spiegel nichts, da kam aber nicht so viel.“., und er erntete allgemeines Kopfnicken in der Runde.
„ Wie heißt die Grenzübergangsstelle auf dieser Hamburger Strecke“, fragte der Oberst jetzt?
„ Schwanheide, die GÜST Eisenbahn heißt Schwanheide, Genosse Oberst, meinte Gisbert Wolzow.
„ Dann müssen wir in dieser Gegend suchen, Genosse Wolzow aber unauffällig, leiten sie alles in die Wege, und machen sie mir um Gottes Willen nicht die Pferde scheu“.
„ Ich habe hier schon eine Liste der Grenzkompanien im Elbabschnitt angefordert, Genosse Oberst…wenn ich kurz zitieren dürfte…ich bitte darum, meinte der Angesprochene.“
„ Also, von Nord nach Süd wären das Zweedorf, die 1. GK, dann Nostorf, der Stab 1.Grenzbataillon, gefolgt von Horst, die 7. GK und GÜST Straße, dazu noch die GÜST Wasser Cumlosen, weiter Bahlen, die 2.GK, dann Haar, die 3.GK, weiter Kaarßen, die 8.GK über Tripkau, die 4.GK kommen wir nun zu Dömitz, dort gibt es mehrere Standorte, so die 9.GK, der Stab 2. und 3.Grenzbataillon sowie die 8. Pionierkompanie.“
„ Nicht zu vergessen, die Sicherstellungskompanie und die Bootskompanie, dann weiterhin noch Wootz, die 5.GK und Gandow, die 6. GK“., und der Vorleser faltete den Zettel zusammen.
„ Ich vergaß noch zu erwähnen, dies alles beinhaltet einen Bereich von gut 85 Kilometern Wassergrenze und einiges an Land“.
„ Gute Arbeit, Genosse Wolzow“, meinte der Oberst und straffte seine Uniform.
„ Bitte darf ich….hob einer der Anwesenden die Hand…sie dürfen, Genosse Dzermonski und Feliks Dzermonski entnahm seinem Aktenordner ein Blatt.
„ In diesem weiter nördlich gelegenen Regiment 24 im Bereich der 1. Grenzkompanie Aulosen war doch erst vor gut einem Jahr , in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1976 dieser Zwischenfall mit einer Person, die an der Anlage 501 schon öfters Demontagen versucht hatte, diesem Manuel Gartenschlöger und sollten wir nicht die Genossen, die damals diese Angelegenheit zur vollen Zufriedenheit des Ministers gelöst hatten, wieder dorthin entsenden, so als Erntehelfer getarnt“?
Der Vorleser erntete in der Runde allgemeines Gelächter und selbst der Oberst konnte sich ein Schmunzeln um die Mundpartie nicht verkneifen.
„ Bitte, bitte, meine Herrn, ich möchte doch um Sachlichkeit bitten und was der Genosse Dzermonski angeschnitten hatte, ist gar nicht so von der Hand zu
weisen, zumal wir in den Tagen vor den Feierlichkeiten zur Errichtung
unseres antifaschistischen Schutzwall absolut keinen Ärger in dem vom
Genossen Wolzow zitierten Elbabschnitt gebrauchen können“.
Aber der Oberst lehnte sich gleichzeitig gemütlich zurück und meinte: „ Die wenigsten von ihnen haben ja diesen Tag bewusst miterlebt, die“
Operation 13. August“ in diesem Jahr 1961, und ich sage ihnen, es war
beste Urlaubszeit, so wie heute, unsere westdeutschen Politiker und
Staatssekretäre sonnten sich auf Palma de Mallorca und sonst wo und
Genosse Walter Ulbricht, möge er in Frieden ruhen, also er hatte schon
das richtige Gespür, um den Gegner völlig zu überrumpeln…wieder allgemeines Gelächter und der Oberst winkte mit der Hand ab, und bitte Genosse Kind, der eigentlich mit Spitznamen Kids hieß, so nach der englischen Bezeichnung…sie wollten vorhin noch…etwas sagen“.
„Ist er nicht jüdischer Abstammung, so wie ich aus meinen Unterlagen dieser Martha Schuster herauslese und besteht damit nicht die Möglichkeit für ihn, bei seinen jüdischen Freunden abzutauchen, Unterkunft oder nennen wir es Asyl zu suchen sagte Kind?“
„Ich habe einmal recherchiert, also der Kreis Hagenow/ Ludwigslust beherbergt eine jüdische Gemeinde, in der wir schon seit Jahren eine gute und zuverlässige Quelle platziert haben, die
bis zum heutigen Tag wertvolle Informationen liefert“. Zumal, dieser
Mann ist Friedhofsgärtner und betreut mehrere Gemeinden im Umland, ,
hilft also auch auf evangelischen Friedhöfen aus, wo Not am Manne ist“.
„ Aber da ist noch ein Fakt, den wir nicht aus den Augen lassen dürfen, er ist nicht nur Jude, der Offizer sondern einer, der mit Frauen gut kann, denn unsere Informationen lauten auf einen Beziehungskonflikt mit der Frau seines Ausbilders in der sowjetischen Garnison, der doch der
Auslöser für dieses Entfernen von seiner Einheit gewesen sein muss und
dieser Oberst Kandow….entschuldigen sie, Oberst, wenn ich es so
unverblümt ausspreche, er scheint seine schützende Hand noch darüber,
über seine Männer zu halten, das verstehe, wer will.?“
Ohne auf diese Bemerkung einzugehen„fragte der
Oberst: „Also vermuten sie, Genosse Kind, das er bei einer Frau
Unterschlupf suchen würde, weil er sich das weibliche Geschlecht
versteht?“
„Korrekt, Genosse Oberst, so wollte ich es formulieren“, meinte Kind.
„
Er ist doch ein ausgebildeter Elitekämpfer, also kein normaler
Wehrpflichtiger und würde demzufolge erst reagieren, wenn man ihn die Enge treibt“, so warf jetzt ein junger Genosse ein, und einige pflichteten seinem Einwand zu aber Oberst Bergemann war zu müde, um auch noch diese brisante Seite der Angelegenheit zu beleuchten.
„ Genug für heute, Genossen, leiten sie alle notwendigen Schritte ein, starten sie die Suchaktion unter der Deckbezeichnung“ Die große Reise“
aber mit Ruhe, wenn ich bitten darf“, er straffte seine Uniform und
erhob sich und das Besprechungszimmer leerte sich, nur Gisbert Wolzow
blieb am Fenster stehen und schaute zu einer Schulklasse in den Innenhof, er zählte um die 17 Schüler und der Oberst trat neben ihn und meinte:“ Wenn der
Minister nicht wörtlich…Ich liebe sie doch alle,…. dann würde er nicht
seine Nachmittage für unsere wertvolle junge Kampfreserve der Partei opfern“
„ Darf ich offen sprechen, Oberst und der meinte…ich bitte darum, Wolzow, wir sind doch unter uns“.
Nehmen
wir diese jungen Leute da unten, so wie sie da stehen, werden sie
später einmal sehr unterschiedliche Lebenswege einschlagen, der Eine vielleicht an der
Werra sein Glück suchen, einige werden an unserer Staatsgrenze ihren
Dienst tun, ganz normale Soldaten und LO-Fahrer werden, eventuell
Politoffiziere, Grenzaufklärer oder sogar desertieren, so wie der Große da unten, der mir eher wie ein Mädchen aussieht oder sie werden unsere Geschichte aufarbeiten, so als Historiker und sehen sie die Mädchen da, die Blonde mit der Ausstrahlung des Nordlichtes und die
Andere mit dem Kleid, das wie ein Trachtenkleid geschnitten ist, sie
werden vielleicht sogar mit ihren Eltern unser schönes Land verlassen.
Diese zwei, die da etwas abseits der Gruppe stehen am Eingang Normannenstraße…sehen sie die, Wolzow und der nickte: „ Also der Kleinere sieht mir wie ein Jungpionier aus und der Andere, der fröhliche Blondschopf mit der Schildkröte auf der Jacke wie ein zukünftiger Seemann unserer Handelsmarine, und sie könnten Außenseiter werden…weil sie sich so abseits der Gruppe halten…und Wolzow schüttelte den Kopf, mit Verlaub, das glaube ich nicht, Oberst.
„Vertrauen
sie einem alten Mann, mein junger Freund und vielleicht wird unser
Gebäudekomplex, unser „ Feldherrenhügel“ hier in späteren Zeiten auch
einmal ein Museum werden, und diese Klasse ist dann verstreut in alle
Welt, die so hoffe ich doch noch unter einem gutem sozialistischen Stern oder eben auch nicht stehen wird!“
„Und
eines Tages, vielleicht in 33 Jahren auf den Tag genau finden sie sich
wieder hier zusammen, stehen so auf dem Hof wie heute und werden über die
Vergangenheit reden, eventuell zum Abend in eine Kneipe gehen, gut
essen und trinken, ehrliche Gespräche führen, so wird es sein.“
Und zwei Männer und ihre Träume standen noch eine Weile am Fenster und schauten in den Innenhof.
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